Redaktion
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11. Mai 2026
Fast ein Jahr später: Was Österreichs führende Unternehmen über digitale Barrierefreiheit offenbaren
Im Mai 2026 analysierte Accessiway 17 Seiten von 16 ATX-Prime-Unternehmen mit digitalen Services, darunter Banking-Plattformen, Telekommunikationsangebote, Buchungssysteme und Energieportale.

Am 28. Juni 2025 trat das österreichische Barrierefreiheitsgesetz (BaFG) in Kraft und verpflichtete Unternehmen mit digitalen Angeboten für Endkund:innen, diese barrierefrei zu gestalten. Fast ein Jahr später wollten wir verstehen, wie das in der Praxis tatsächlich aussieht.
Im Mai 2026 analysierte Accessiway 17 Seiten von 16 ATX-Prime-Unternehmen mit digitalen Services, darunter Banking-Plattformen, Telekommunikationsangebote, Buchungssysteme und Energieportale. Wir kombinierten automatisierte Scans mit manueller Prüfung durch Expert:innen anhand von neun WCAG-Kriterien. Es handelt sich dabei nicht um eine vollständige Konformitätsprüfung, sondern um eine richtungsweisende Momentaufnahme typischer Probleme auf stark frequentierten Seiten.
Jede Seite weist weiterhin Probleme auf
Alle 17 getesteten Seiten wiesen mindestens ein Barrierefreiheitsproblem auf, das im Rahmen einer BaFG-konformen Umsetzung adressiert werden müsste. Einige Unternehmen machen bereits vieles richtig. Drei hatten über alle geprüften Kriterien hinweg nur ein einzelnes Problem.
Die anhaltende Präsenz grundlegender, gut dokumentierter Probleme auch bei führenden Organisationen deutet jedoch auf etwas Wesentliches hin: Die Herausforderung liegt nicht mehr im Bewusstsein, sondern in der Umsetzung.
„Der rechtliche Rahmen ist vorhanden, Organisationen verstehen grundsätzlich, was von ihnen erwartet wird, und Verantwortlichkeiten wurden zugewiesen“, sagt Jacopo Deyla, Chief Accessibility Officer bei Accessiway.
„Dennoch treten die gleichen Probleme weiterhin in großem Umfang auf – das zeigt, dass es nach wie vor eine Lücke in der Umsetzung gibt.“
Was Nutzer:innen erleben
Diese Lücke zeigt sich auch im Nutzerverhalten. Eine repräsentative Accessiway-Umfrage unter 1.000 Österreicher:innen ergab, dass 80 % regelmäßig auf digitale Barrieren stoßen, knapp ein Drittel Schwierigkeiten mit Eingabefeldern hat und fast jede fünfte Person auf Probleme mit Inhalten, die sich nicht an die Bildschirmgröße anpassen, stößt.
Besonders betroffen sind ältere Nutzer:innen. Bereits jede fünfte Person in Österreich ist über 65 Jahre alt. Diese Gruppe ist stark auf digitale Services wie Online-Banking, Versicherungen und Energieportale angewiesen und besonders von Problemen wie kleiner Schrift oder fehlerhafter Skalierung betroffen.
Was wir festgestellt haben
Das häufigste Problem war ein unzureichender Farbkontrast, der auf 82 % der Seiten auftrat – im Einklang mit globalen Ergebnissen aus dem WebAIM Million Report 2026. Im Vergleich zu strukturellen Problemen lassen sich Kontrastprobleme in vielen Fällen relativ einfach beheben, oft auch ohne Eingriffe in die zugrunde liegende Codebasis.
Deutlich relevanter sind jedoch die Probleme, die automatisierte Tools häufig nicht erkennen: Probleme bei der Tastaturnavigation traten auf 65 % der Seiten auf, Reflow-Probleme bei 59 % und Probleme bei der Textvergrößerung bei 41 %. Diese betreffen große Teile der Bevölkerung, nicht nur Menschen mit dauerhaften Einschränkungen.
Die Lücke bei automatisierten Tests
Mehrere der untersuchten Websites erzielten nahezu perfekte Ergebnisse in Google Lighthouse, wiesen jedoch in der manuellen Prüfung mehrere Probleme auf. Eine Seite erreichte beispielsweise 0,99 von 1,0 Punkten und zeigte dennoch Schwächen in fünf von neun geprüften Bereichen.
Das weist auf ein strukturelles Problem in der aktuellen Messung von Barrierefreiheit hin. Automatisierte Tools erkennen bestimmte Probleme gut, insbesondere Farbkontrast, sind jedoch deutlich weniger effektiv bei der Erkennung von Problemen in Bereichen wie Tastaturnavigation, Reflow oder Textvergrößerung, also genau jenen Themen, die besonders häufig auftreten.
Mit zunehmender Geschwindigkeit von Entwicklungszyklen, verstärkt durch KI-gestützte Programmierung, besteht zudem die Möglichkeit, dass neue Probleme ebenso schnell entstehen wie bestehende behoben werden.
Warum passiert das weiterhin?
Seit Januar 2025 sind österreichische Unternehmen mit mehr als 400 Mitarbeiter:innen gesetzlich verpflichtet, eine:n Barrierefreiheitsbeauftragte:n zu benennen. Dennoch ist Barrierefreiheit in vielen Fällen noch nicht fest in die täglichen Entwicklungsprozesse integriert und wird weiterhin häufig als Projekt behandelt – nicht als kontinuierlicher Qualitätsstandard.
„Das Problem ist nicht, dass diese Themen schwer zu lösen wären“, sagt Jacopo.
„Die eigentliche Frage ist, warum sie immer wieder auftreten. Und die Antwort ist, dass sich viele Organisationen noch immer auf punktuelle Audits verlassen, während kontinuierlich neue Barrieren entstehen.“
Was sich ändern muss
Erforderlich ist ein Wandel von punktuellen Prüfungen hin zu kontinuierlicher Transparenz – also ein jederzeit aktueller Überblick über den Status der Barrierefreiheit sowie die Nachverfolgung von Verbesserungen, während Probleme behoben werden.
Der European Accessibility Act wird die Durchsetzung weiter vorantreiben. Unternehmen, die langfristig gut aufgestellt sind, werden jene sein, die Barrierefreiheit in ihre operativen Prozesse integrieren – anstatt sie als jährlich abzuschließende Compliance-Aufgabe zu behandeln.
Fast ein Jahr später zeigt sich in Österreich ein gemischtes Bild: Fortschritte sind erkennbar, gleichzeitig bestehen grundlegende Lücken weiter. Die Grundlagen sind geschaffen, die Umsetzung bleibt die zentrale Herausforderung.
Möchten Sie wissen, wo Ihr Unternehmen steht? Kontaktieren Sie Accessiway und erfahren Sie mehr darüber, wie wir Unternehmen in ganz Europa bei der Umsetzung digitaler Barrierefreiheit unterstützen.
Methodik
Dieser Blogbeitrag basiert auf einer Analyse von Accessiway aus Mai 2026. Untersucht wurden alle im ATX Prime Index gelisteten Unternehmen mit Endkund:innen-orientierten digitalen Angeboten – insgesamt 16 Unternehmen mit 17 analysierten Seiten.
Der Fokus lag auf Organisationen, die digitale Services direkt für Endkund:innen anbieten, darunter Banking-Plattformen, Telekommunikation, Buchungssysteme, Energieportale und Logistiklösungen. Reine B2B- und Industrieunternehmen ohne relevante öffentlich zugängliche Nutzeroberflächen wurden ausgeschlossen.
Die Analyse kombinierte automatisierte Scans mit manueller Prüfung anhand folgender neun WCAG-Kriterien: Farbkontrast (1.4.3), flackernde Inhalte (2.3.1), Pausieren/Stoppen von Inhalten (2.2.2), Textvergrößerung (1.4.4), Reflow (1.4.10), Skip-Links (2.4.1), Tastaturnavigation (2.1.1), Fokus-Sichtbarkeit (2.4.7) und Tab-Reihenfolge (2.4.3).
Diese Analyse stellt keine vollständige Barrierefreiheitsprüfung oder Konformitätsbewertung dar.

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