Redaktion
—
18. Mai 2026
Was ist ein Screenreader und warum entscheidet er über deine BFSG-Compliance
Ein Screenreader (auf Deutsch: Bildschirmleseprogramm) ist eine Software, die Texte, Buttons, Links und alle weiteren Bildschirminhalte einer Webseite oder App in eine andere Form übersetzt

Ein Screenreader ist eine Software, die digitale Inhalte hörbar oder fühlbar macht. Seit dem 28. Juni 2025 ist Screenreader-Kompatibilität in Deutschland nicht mehr nett zu haben, sondern Pflicht nach dem BFSG. In diesem Leitfaden zeigen wir dir, was ein Screenreader genau ist, wie er funktioniert, welche Tools wichtig sind und was deine Website konkret leisten muss, damit Screenreader sie lesen können.
Die Kernpunkte auf einen Blick
Was ist ein Screenreader? Eine Software, die Bildschirminhalte in Sprache oder Braille übersetzt.
Wer nutzt ihn? Blinde und sehbehinderte Menschen, dazu auch Menschen mit Legasthenie, kognitiven Einschränkungen, Sprachlerner:innen und Multitasker:innen.
Die wichtigsten Tools 2026 NVDA (kostenlos, Windows), JAWS (kostenpflichtig, Windows), VoiceOver (Apple), TalkBack (Android), Narrator (Windows-integriert), Orca (Linux).
Rechtsgrundlage BFSG (seit 28.06.2025), EAA, WCAG 2.2 AA, BITV 2.0.
Was deine Website braucht Semantisches HTML, Alternativtexte, Formular-Labels, Tastaturbedienung, sichtbarer Fokus.
Risiko bei Verstößen Bußgelder bis 100.000 Euro pro Fall, Marktrücknahmen, Imageschäden.
Was ist ein Screenreader?
Ein Screenreader (auf Deutsch: Bildschirmleseprogramm) ist eine Software, die Texte, Buttons, Links und alle weiteren Bildschirminhalte einer Webseite oder App in eine andere Form übersetzt. Diese Form ist entweder hörbar (über Sprachausgabe) oder fühlbar (über eine Braille-Zeile). So können auch Menschen mit Behinderungen, insbesondere Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit, das Internet selbstständig und barrierefrei nutzen, im Beruf, im Alltag und im privaten Leben.
So funktioniert ein Screenreader?
Ein Screenreader liest deine Website nicht so, wie ein sehender Mensch sie sieht. Er liest den Code dahinter und gibt ihn auf eine von zwei Arten an die Nutzer:in zurück.
Sprachausgabe
Die häufigste Ausgabe-Art ist eine künstliche Stimme. Moderne neuronale Stimmen klingen heute fast natürlich, vorbei die Zeiten der roboterhaften Roboterstimmen. Die Sprachausgabe nennt sich Text-to-Speech, kurz TTS.
Braille-Zeile
Eine Braille-Zeile ist ein Gerät, das unter der Tastatur liegt. Es hat kleine Stifte, die nach oben und unten fahren. So entstehen die Punkte der Blindenschrift. Nutzer:innen lesen Zeile für Zeile mit den Fingerkuppen. Für detaillierte Arbeit, etwa beim Korrekturlesen oder Programmieren, ist die Braille-Zeile oft präziser als die Sprachausgabe.
Tastatursteuerung
Screenreader-Nutzer:innen arbeiten ohne Maus. Die gesamte Navigation läuft über Tastenkombinationen:
Tab: Springt zum nächsten Link, Button oder Formularfeld.
H: Springt zur nächsten Überschrift.
Pfeiltasten: Lesen Zeile für Zeile oder Buchstabe für Buchstabe.
Landmark-Sprünge: Eine schnelle Navigation zwischen Bereichen wie Hauptinhalt, Navigation und Footer.
Der Bonus: AI-Agenten lesen denselben Baum
ine Entwicklung, die viele Unternehmen noch unterschätzen: AI-Agenten wie OpenAI Atlas, Microsoft Playwright MCP und Vercels agent-browser navigieren Websites über genau denselben Accessibility Tree, den auch Screenreader nutzen. Der Baum war ursprünglich für blinde Menschen gedacht, ist heute aber auch die Schnittstelle für die nächste Generation digitaler Assistenten.
Was bedeutet das konkret? Ein Beispiel:
Ein:e Nutzer:in bittet einen AI-Agenten, ein Produkt in deinem Shop zu kaufen.
Dein „In den Warenkorb“-Button ist als <div> mit JavaScript umgesetzt, ohne Rolle, ohne Label.
Im Baum erscheint der Button als generic ohne Namen.
Der Agent findet ihn nicht, klickt verzweifelt auf irrelevante Elemente und bricht ab.
Wäre der Button als <button>In den Warenkorb</button> implementiert, hätte der Agent ihn sofort gefunden und der Kauf wäre durchgegangen.
Wer heute sauber für Screenreader arbeitet, gewinnt morgen sowohl Menschen mit Behinderungen als auch AI-Agenten als Nutzer.
Wer nutzt Screenreader?
Die offensichtliche Antwort lautet: blinde Menschen. Sie ist nur nicht die ganze Antwort. Screenreader gelten als assistive Technologie (Hilfsmittel) und werden heute von vielen Gruppen genutzt:
Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit. Die größte Nutzer:innen-Gruppe. Ohne dieses Hilfsmittel wäre die Webseite für sie kaum zugänglich.
Menschen mit Legasthenie. Hören Texte parallel zum Lesen, um Inhalte einer Webseite besser zu verstehen.
Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Strukturierte Sprachausgabe hilft, komplexe Inhalte zu verarbeiten.
Sprachlerner:innen. Hören die richtige Aussprache von Wörtern und lernen so schneller.
Multitasker:innen. Lassen sich Artikel beim Pendeln oder bei der Hausarbeit vorlesen.
Menschen, die ihre Augen entlasten möchten. Nach einem langen Bildschirmtag tut Hören gut.
Wer eine barrierefreie und inklusive Webseite baut, baut also nicht nur für eine kleine Minderheit. Er baut für eine ganze Reihe verschiedener Nutzer:innen. Genau hier setzt echte digitale Barrierefreiheit an.
Die wichtigsten Screenreader im Jahr 2026
Es gibt viele Screenreader, aber sechs sind besonders verbreitet. Hier ein schneller Überblick, gegliedert nach den Eckdaten.
NVDA
Betriebssystem: Windows 10 und 11.
Stärken: Weltweit am weitesten verbreitet, regelmäßige Updates, große Community.
Grenzen: Sprachqualität hängt vom gewählten Synthesizer ab, die Bedienung ist anfangs gewöhnungsbedürftig.
Tipp: Lädt sich auch auf einen USB-Stick. Ideal für den ersten Test.
JAWS
Betriebssystem: Windows 10 und 11.
Stärken: Professioneller Standard, sehr leistungsstark, eigene Skript-Sprache für betriebliche Software.
Grenzen: Hoher Preis, komplexe Lizenzmodelle.
Tipp: Krankenkassen oder Integrationsämter übernehmen die Kosten oft.
VoiceOver
Betriebssystem: macOS, iOS, iPadOS.
Stärken: Tief in das Apple-System integriert, gute Sprachqualität, Touch-Gesten auf iPhone und iPad.
Grenzen: Funktioniert nur im Apple-Ökosystem.
Tipp: Auf dem Mac mit Cmd + F5 sofort startbar, ideal für einen ersten Test.
TalkBack
Betriebssystem: Android.
Stärken: Standardlösung für Android-Geräte, kombiniert Sprache mit akustischen Signalen und Vibration.
Grenzen: Leistung hängt stark vom Gerät ab, auf schwächeren Smartphones spürbar langsam.
Tipp: Aktivierung über Einstellungen, Bedienungshilfen, TalkBack.
Narrator
Betriebssystem: Windows 10 und 11.
Stärken: Sofort verfügbar, einfache Bedienung, gute Systemintegration.
Grenzen: Für den Alltag professionell sehbehinderter Nutzer:innen oft zu eingeschränkt, weniger Funktionen als NVDA oder JAWS.
Tipp: Aktivierung mit Strg + Win + Enter, gut für einen ersten Test.
Orca
Betriebssystem: Linux (GNOME-basierte Distributionen wie Ubuntu).
Stärken: Standardlösung im Linux-Umfeld, aktive Community.
Grenzen: Einrichtung teilweise komplex, abhängig von der Systemkonfiguration.
Tipp: In Ubuntu standardmäßig dabei, über die Systemeinstellungen aktivierbar.
Browser-Erweiterungen
Für Chrome und Firefox gibt es Erweiterungen wie Speechify oder Chirpy. Sie eignen sich für kurze Vorlese-Aufgaben. Ein vollwertiger Ersatz für NVDA oder JAWS sind sie nicht, vor allem nicht für Menschen mit starker Sehbehinderung, die täglich auf einen leistungsfähigen Screenreader angewiesen sind.
Screenreader und Compliance: BFSG, EAA, WCAG, BITV
Screenreader-Kompatibilität ist das Herzstück fast jeder Pflicht zur digitalen Barrierefreiheit. Wenn ein Screenreader deine Webseite nicht sauber auslesen kann, erfüllst du den Standard für Barrierefreiheit nicht.
WCAG 2.2 (Stufe AA): Der internationale Standard, an dem alle deutschen und europäischen Gesetze ausgerichtet sind.
BFSG (Deutschland): Seit dem 28. Juni 2025 müssen private Unternehmen aus E-Commerce, Banking, Verkehr, Telekommunikation und mehr barrierefrei sein.
EAA (Europa): Die EU-Richtlinie, die das BFSG ableitet. Mehr dazu im European Accessibility Act-Leitfaden.
BITV 2.0 (öffentliche Stellen): Verpflichtet Behörden und öffentliche Einrichtungen in Deutschland zur Barrierefreiheit nach EN 301 549.
BaFG (Österreich) und BehiG (Schweiz): Vergleichbare Rahmen für die Alpenrepublik und die Schweiz.
Was passiert bei Verstößen? Bußgelder bis zu 100.000 Euro pro Fall sind möglich. Marktaufsichtsbehörden können Anordnungen erlassen, Produkte vom Markt nehmen oder Dienste untersagen. Verbände können nach dem UKlaG klagen. Hinzu kommt der Schaden für Image und Vertrauen.
Was deine Webseite leisten muss, damit Screenreader sie lesen können
Ein Screenreader liest, was im Code steht, und braucht klare Strukturen, um die richtige Information weiterzugeben. Mit diesen sieben Punkten machst du deine Webseite barrierefrei und zugänglich:
Semantisches HTML: Nutze das richtige Element für die richtige Aufgabe. Ein Button ist ein <button>, kein <div>. Eine Überschrift ist ein <h1>, kein gestylter Text.
Sinnvolle Alternativtexte: Jedes informative Bild braucht eine kurze Beschreibung im alt-Attribut. Rein dekorative Bilder bekommen ein leeres alt="".
Formular-Labels: Formulare entscheiden über Anmeldung, Checkout und Kontakt. Jedes Eingabefeld braucht ein sichtbares Label, programmatisch verknüpft mit dem Feld. Achte besonders auf Formulare im Bestell-Flow.
Klare Überschriften-Hierarchie: H1 bis H6 in der richtigen Reihenfolge. Keine Überschriften überspringen, das macht die Webseite für Screenreader-Nutzer:innen schwer zugänglich.
Vollständige Tastaturbedienung: Alle Buttons, Links und Formulare müssen mit Tab, Enter und Pfeiltasten erreichbar sein. Der Fokus muss jederzeit sichtbar sein.
ARIA richtig einsetzen: ARIA-Attribute helfen, wo HTML nicht ausreicht. Sie sind aber kein Ersatz für sauberes HTML, sondern eine Ergänzung.
Skip-Links: Ein „Zum Hauptinhalt springen“-Link am Seitenanfang spart Tastatur-Nutzer:innen viele Tab-Schritte und macht die Navigation schneller zugänglich.
Für PDFs gelten die gleichen Prinzipien. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Barrierefreiheit von digitalen Dokumenten.
Teste deine Website selbst, in 30 Sekunden
Der schnellste Weg, deine Website wie ein:e Screenreader-Nutzer:in zu erleben:
Mac: Drücke Cmd + F5, VoiceOver startet sofort.
Windows: Drücke Strg + Win + Enter, Narrator startet. Oder lade NVDA kostenlos herunter.
iOS: Einstellungen, Bedienungshilfen, VoiceOver aktivieren.
Android: Einstellungen, Bedienungshilfen, TalkBack aktivieren.
Schließe dann deine Augen oder schalte den Bildschirm dunkel, und navigiere mit Tab durch deine Startseite. Achte auf:
Werden Buttons mit klarer Funktion angekündigt, etwa „Anmelden“ oder „In den Warenkorb“, oder hörst du nur „Button“?
Werden Bilder mit sinnvollen Alternativtexten beschrieben, oder hörst du nur „Bild“?
Kannst du jedes Formularfeld erreichen, und ist klar, was hineingehört?
Kommst du aus jedem Modal mit Esc wieder heraus?
Wenn du tiefer einsteigen möchtest, findest du in unserem Leitfaden zum Website auf Barrierefreiheit testen eine vollständige Acht-Schritte-Checkliste.
Wie können wir Ihnen helfen?
Wenn du wissen möchtest, wie gut deine Website für Screenreader funktioniert, ist ein strukturierter Audit der richtige Startpunkt. Erfahre, wie Accessiway dich unterstützen kann oder entdecke unsere Preise und Pakete, um den passenden Einstieg für dein Team zu finden.
Häufig gestellte Fragen zu screenreaders
Wie funktioniert ein Screenreader?
Ein Screenreader liest den Code deiner Website, übersetzt ihn in Sprache oder Braille und gibt diese Information an die Nutzer:in zurück. Im Hintergrund baut der Browser dafür den sogenannten Accessibility Tree auf, eine strukturierte Darstellung deiner Seite mit Rollen, Namen und Eigenschaften jedes Elements. Der Screenreader liest aus diesem Baum, nicht direkt aus deinem HTML.
Gibt es Screenreader, die direkt im Browser funktionieren?
Ja, aber mit Einschränkungen. Für Chrome gibt es Speechify, für Firefox Chirpy. Diese Browser-Erweiterungen sind nett für kurze Vorlese-Aufgaben, ersetzen aber keinen vollwertigen Screenreader. Für ernsthafte Arbeit nutzen blinde Menschen NVDA, JAWS oder VoiceOver. Diese sind tief in das Betriebssystem integriert und beherrschen viel mehr als nur das Vorlesen.
Was ist der Unterschied zwischen einem kostenlosen und einem kostenpflichtigen Screenreader?
NVDA ist kostenlos und Open Source. Er ist weltweit am weitesten verbreitet und für viele Aufgaben vollkommen ausreichend. JAWS ist kostenpflichtig und gilt als professioneller Standard im Beruf. JAWS bietet eine eigene Skript-Sprache, mit der sich auch komplexe betriebliche Software anpassen lässt. Krankenkassen oder Integrationsämter übernehmen die Kosten oft. Apple-Geräte und Android-Smartphones liefern VoiceOver und TalkBack kostenlos mit.
Wie hängt Screenreader-Kompatibilität mit der WCAG 2.2-, BFSG- und EAA-Compliance zusammen?
Sehr direkt. Die WCAG 2.2 enthalten zahlreiche Kriterien zur digitalen Barrierefreiheit, die ausschließlich für Screenreader-Nutzer:innen relevant sind, etwa zu Alternativtexten, Formular-Labels und semantischer Struktur. Das BFSG und der European Accessibility Act verweisen auf die WCAG 2.2 Stufe AA als verbindlichen Mindeststandard für Barrierefreiheit. Wenn deine Website nicht sauber mit einem Screenreader funktioniert, erfüllst du das Gesetz nicht. Punkt.
Was muss meine Website konkret leisten, damit Screenreader sie korrekt auslesen können?
Sauberes semantisches HTML (Button als button, nicht als div), sinnvolle Alternativtexte für alle informativen Bilder, sichtbare und programmatisch verknüpfte Formular-Labels, eine klare Überschriften-Hierarchie, vollständige Tastaturbedienung mit sichtbarem Fokus, korrekt eingesetzte ARIA-Attribute und Skip-Links zum Hauptinhalt. Wer diese sieben Punkte ernst nimmt, erfüllt den Großteil der Anforderungen.
Wie kann ich selbst mit einem Screenreader meine Website testen, und wo fange ich an?
Auf dem Mac mit Cmd plus F5, auf Windows mit Strg plus Win plus Enter, auf iOS und Android in den Einstellungen unter Bedienungshilfen. Schließe danach die Augen oder schalte den Bildschirm aus und navigiere mit Tab durch deine Startseite. Achte darauf, ob Buttons mit klarer Funktion angekündigt werden, ob Bilder sinnvolle Alternativtexte haben und ob du jedes Formular per Tastatur ausfüllen kannst. Wenn nicht, hast du deine ersten Stellschrauben gefunden.

Dajana Gioffre
Wie barrierefreie Dokumente das Leben von Menschen mit Behinderungen verändern
Digitale Barrierefreiheit
.jpg)
Redaktion
Wie Sie Ihre Website auf Barrierefreiheit testen
Digitale Barrierefreiheit

Redaktion
Was ist digitale Barrierefreiheit? Ein umfassender Leitfaden zu allem, was Sie wissen müssen
Digitale Barrierefreiheit